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Monatsarchiv: September 2012

Turn me on, damnit!

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Das ist der Titel des 2011 in Norwegen produzierten Coming of Age Films, in dem die 15jährige Alma zur Außenseiterin in Dorf und Schule wird, weil ihr Schwarm Artur nicht eingestehen will, dass er ihr seinen Penis gegen die Wade drückte.

Der Plot klingt schräg genug, auffällig ist aber vor allem Almas Charakter in dieser Story. Anders als der Titel suggeriert, ist es nicht nötig diesen Teenager anzutörnen – das blonde Mädchen ist eine Hormonschleuder, sie masturbiert auf Geldrollen bei ihrem Supermarktjob, der ihre Schulden wegen exzessiver Nutzung einer Sexhotline mindern soll, unterdrückt ihr Stöhnen nicht, wenn sie es sich abends im 90 x 180 cm Kinderbett selber macht und hat diverse sexuelle Phantasien, in die wir als Zuschauer Einblick bekommen.

Aber weil Alma wenig Hehl um ihre Gelüste macht und Arturs Penis-Tat offen ihrer besten Freundin Saralou und deren lipgloss-addicted Schwester Ingrid gesteht, ergeben sich Probleme. Ingrid selbst hat ein Auge auf Artur geworfen und stellt Alma auf einer Party im „Jugendclub“ als Lügnerin und Perverse da. Es folgt eine anstrengende Zeit für Alma, in der sie gemieden und als „Dick-Alma“ ausgelacht wird und in der sich die Probleme mit ihrer Mutter – die sich mit Almas ‚Geilheit‘ unwohl fühlt – zuspitzen. Aber man darf sich an dieser Stelle als Leser nicht maßloses Drama ausmalen – keiner versucht sich umzubringen und Alma raucht zwar ein paar Joints und trinkt ein wenig Alkohol, aber die Heroinspritzen bleiben zu hause. Stattdessen stellt der Film in recht skandinavischer Manier – sollte aus dieser Ecke mal ein Actionfilm kommen, man sage mir Bescheid – die Geschehnisse im gottverlorenen Kaff Skoddeheimen ruhig und beobachtend, ja fast mit der selben Trostlosigkeit wie den Schauplatz selbst, dar.
Und so scheint es auch entsprechend naheliegend, dass man die eigentliche Botschaft des Filmes nicht sofort begreift, obwohl diese so naheliegend ist. Als Zuschauer erlebt man Alma als ein wenig verrückt – man wird Zeuge ihrer ausgeprägten Sexualität, die einem im Vergleich zu eigenen Erfahrungen zu stark vorkommt. Man erlebt aber auch ihre Phantasien (die anfänglich enorm stören, weil sie mit kitschiger Musik unterlegt sind) und glaubt zur Mitte des Films hin, dass Alma sich den Penis an ihrem Bein wohl doch eingebildet haben muss. Als Zuschauer findet man sich also auf einmal auf der Seite all der Leute – ihrer Mitschüler, der Dorfbewohner, ihre Mutter – die Alma ausgrenzend behandeln. (Mal abgesehen davon, dass auch eine Lüge nicht diese Behandlung rechtfertigt).
Doch dann gibt es eine Wende  im Film, die subtil klar macht, dass Alma nicht im entferntesten unnormal ist. Die 15jährige trampt heimlich aus ihrem Kaff nach Oslo, wo eine Bekannte lebt und findet für zehn Filminuten eine warme, offene Umgebung. In diesen Momenten, in denen Alma keine Außenseiterin ist, fröhlich mit der Bekannten und deren MitbewohnerInnen singt und sie den bösen Spitznamen „Dick-Alma“ in einem Lied glorifizieren, wird klar, dass das Problem nicht bei dem Mädchen liegt, sondern allein in ihrem Umfeld. An diesem Punkt fühlt man sich als Zuschauerin schlecht darin, Almas Verhalten jemals als ungewöhnlich gesehen zu haben. Und wie viele Filme schaffen es noch, konkrete Schuldgefühle in einem auszulösen?

Leider kann der Film nicht in dieser Errungenschaft baden, sondern sucht sich ein Ende, bei dem sich alles zum Guten wandelt.
Almas Mutter findet selbst einen Partner, Saralou redet wieder mit ihr und Artur – nachdem Alma ihn vor ihrem Haus als Feigling abgewiesen hatte – bekennt sich auf einem großen Schriftbanner zu seiner semi-sexuellen Penistat.
Warum, oh warum kann so ein Film nicht mal so scheiße und gedrückt enden, wie er angefangen hat?
Wir sind hier ja nicht in Hollywood.

***

Wertung: 3,5

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Deutsche Serien sind Mist?!!

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Keine Frage – eigentlich eine Aussage, die sich auf die gesamte aktuelle Film- und Fernsehlandschaft der BRD anwenden lässt.

Zugegeben habe ich nur bedingt viel Erfahrungswert – mein Standardsatz „Ich habe ja keinen Fernseher“ ist nicht nur eine Fil-Referenz, sondern auch eine verteidigende Erklärung dafür, warum ich so wenig über die Breite der deutschen Unterhaltungskultur weiß.
Nachdem sich also die Perlen des deutschen Fernsehens – extra3, viel Tatorte, kinderfreundliches WissenmachtAh! und vielleicht noch die Tagesschau – alle problemlos streamen lassen, war in den letzten Jahren nicht anzunehmen, dass ich auch nur unfreiwillig noch mal Kontakt zu Inhalten deutscher Privatsender aufbauen würde.

Aber die Katze beißt dem Vorsatz in den Schwanz oder eher: Die Jugend dem Alter (wir sprechen hier über gesetzte 25!).
Es gibt die unschöne Angewohnheit, Dinge, die man in Kindheit und Jugend noch mochte, an die man sich quasi in einer günstigen Lebensphase gewöhnt hatte (schlechte Synchros!), auch im fortgeschrittenem Alter eher zu akzeptieren, als wäre der Erstkontakt erst dann passiert. Durch diesen Umstand ergibt sich, dass ich heute nicht komplett ablehnen über eine deutsche Serie schreiben darf.

2003 kam – es muss ProSieben gewesen sein – der etwas erfolgreichere Fernsehfilm „Seventeen – Mädchen sind die besseren Jungs“ in unsere Wohnzimmer. Eine simple Story – junges Mädchen landet im Internat, versucht sich eine neue Identität zu schaffen und gibt sich daraufhin als Junge aus, nur um sich auch in einen solchen zu verlieben und für vermeintliche Geschlechterwirrungen zu sorgen – aber nett umgesetzt. Ich wage mich zu erinnern, dass da von Seiten des Regisseurs und Drehbuchautors Hansjörg Thurn ein wenig Feingefühl für Kamera und Charakterentwicklung geherrscht haben muss. Und an vielen Stellen wäre kritisierbar, dass man auch die Frage der sexuellen oder geschlechtlichen Identität besser hätte problematisieren können, aber der Film versuchte nicht mehr zu sein, als er ist – eine Komöde, die den Spagat zwischen hollywoodesken und deutschem Coming-Of-Age-Film gut schafft.

Dieser Spagat wird fortgesetzt in der Serien „18 – Allein unter Mädchen“, die ich bis heute nie gesehen hatte und die vier männliche Nebencharaktere aus dem Film ausgliedert und für zwei Staffeln (2004/7) in ein Mädcheninternat steckt.
Dort geht es quasi wieder nur um das eine – Sex und ultimativ Liebe, vielleicht auch andersherum – doch die Serie besticht wieder durch die gute Balance – es wird nicht so viel leeres Drama veranstaltet, wie ich es mir bei nervigen Daily Soaps vorstelle und es versucht auch keiner eine oberflächliche Amerikanische Serie wie Ugly Betty in einem noch oberflächlicheren Abklatsch namens Verliebt in Berlin unterzubringen. Stattdessen bekommen wir bessere Charakterentwicklungen, die sich nicht über das übliche Maß hinaus inkonsistent verhalten (dass die Lesbe in der 2.Staffel nun hetero, nicht etwa bi wird, fühlt sich weniger falsch an, als es unabhängig vom Kontext sein sollte).
Woran die Serie sicher auch gewinnt, ist ihr limitiertes Format – mit 10 Folgen pro Staffel, á 25 Minuten ergibt sich ein übersichtlicher Handlungsrahmen, der verhindert, dass romantische Spannungen unnötig in die Länge gezogen werden oder sonstig unbedeutende Nebenstränge als Füller aufgeplustert werden. Auch die einzelnen Folgen, die in der ersten Staffel angenehm immer einer Problematik folgen, während die zweite Staffel wesentlich verflochtener wirkt, sind als nette Häppchen zu sehen, die natürlich die Spannung hin zum Zusammentreffen des Superpaars am Ende der Staffel erhalten. (Aber nein, das war nicht absehbar).
Die Charaktere an sich sind natürlich ein wenig Klischeehaft gewählt – die Schulsprecherin ist eine bitch mit Modelmaßen, der geheime Held der romantische, heiße Musiker, der gut aussehende Junge arrogant, reich und hinter der Lehrerin her und der kleinste im Bunde trägt Bart, lange Haare und lebt eine Art theoretisches Sex-Feng Shui. Aber an Stereotype sind wir ja quasi gewöhnt. An ein paar Stellen stört diese Aufteilung jedoch ein wenig mehr – der Nerd ist groß, schlaksig und trägt eine Brille. Er ist der Klassenbeste, stellt aber sonst die dümmsten Fragen – klar, sein Image wird ja durch sein nerdiges Aussehen schon adäquat aufrecht erhalten. Das dicke Mädchen bekommt Sex und Liebe erst am Ende der zweiten Staffel, hat stattdessen in der ersten Selbstmordgedanken – weil natürlich keiner der „gutaussehenden“ Kerle auf sie steht. (Wäre ja nicht auszudenken, was passieren würde, wenn das mal passierte, liebe Fernsehwelt!). Und die Lesbe ist eine männerfeindliche Emanze, die irgendwann beim Feng-Shui-Sexisten schlechthin landet (und sich danach weiblicher anzieht). Danke für den Erhalt dieses Bildes, liebes ProSieben! (Mehr dazu zu sagen hätte bestimmt Anita Sarkeesian von Feminist Frequency).

Ist man aber bereit über das hinwegzusehen – und Kritik in Sachen Sexismus, Rassismus, Lookism und Heteronormativität ist leider an jedem Fetzen Film zu hegen, den die Entertaimentwelt für unsere irr-sozialisierten Köpfen erzeugt – dann ist „18 – Allein unter Mädchen“ ein netter Vertreib für ein paar Abende, an denen man sich auf angenehme Art an „Liebe“, Jugend und Schulzeit erinnern möchte.

Ich möchte das manchmal.

***

Wertung: 3